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"Zur Frischen Quelle" von Herrn Hommer


Im Stadtarchiv Darmstadt gibt es viele Bilder von den Zerstörungen in der Altstadt von Darmstadt im zweiten Weltkrieg. Schon 1943 hat es sowohl das Johannesviertel als auch den Teil der Altstadt an der Hinkelsgasse erwischt. Ein Bild aus dieser Zeit trägt den Titel "Kriegsgefangene und Wehrmachtssoldaten bei Aufräumarbeiten", der Fotograf steht offenbar im Schutt der Hinkelsgasse mit Blick über den Niebergall-Brunnnen zum Pädagog. Ein weiteres Bild ist "Förderband zur Trümmerräumung in der Altstadt", auch dieses Bild ist an "der Insel" entstanden, was aber nicht ganz so offensichtlich zu erkennen ist. Es gibt zwei Indizien: Rechts hinter den Trümmern sehen wir den Turm des Schwimmbads und links eine Gastwirtschaft "Zur frischen Quelle". Dieser Name war mir neu, auch ist zu dieser Gastwirschaft nichts zu finden. Es handelt sich aber um das Haus Grosse Kaplaneigasse 2, dies ist der Blick des Fotografen von der Insel aus auf die Trümmer zwischen Hinkelsgasse und Grosser Kaplaneigasse. Eingetragen (in rot) als Wirtschaft ist das fragliche Haus auf jeden Fall auf dieser Karte, bei der ich jedoch nicht weiss, von wann diese Eintragungen stammen. Die Adressbücher aber sagen folgendes:

  • 1908: (Heleine, Phil., Likörfabrikant), Weber, Georg, Schreiner: Das muss noch nicht auf eine Wirtschaft hindeuten.
  • 1909: (Heleine, Phil., Likörfabrikant), Hommer, Joh., Zimmermann: Herr Hommer zieht hierhin.
  • 1910: (Heleine, Phil., Likörfabrikant), Hommer, Joh., Kaufmann: Herr Hommer scheint seine Bestimmung noch zu suchen.
  • 1911: (Heleine, Phil., Likörfabrikant), Hommer, Joh., Wirt: Wer nichts wird, wird Wirt. Herr Hommer hat wohlmöglich seine Bestimmung gefunden und eine Wirtschaft in der Grossen Kaplaneigasse 2 eröffnet. Über den Namen der Wirtschaft wissen wir nichts.
  • 1917: (Heleine, Phil., Likörfabrikant), Hermann, Georg., Wirt: Der Wirt wechselt.
  • 1924: Müller, Philipp, Lebensmittelhandlung, Hermann, Georg., Büro-Assistent: Herr Heleine verkauft das Haus an Herrn Müller, mit Gastwirtschaft ist erst einmal Schluß. Der letzte Wirt Georg Herrmann hängt seinen Beruf an den Nagel (und wird bei Herrn Müller angestellt?)
  • 1927: Scheib, Frdr., Metzger und Wirt: Die Lebensmittelhandlung scheint nicht erfolgreich gewesen zu sein. Es gibt nun wieder einen Wirt. Wir wissen weiterhin nichts über den Namen der Wirtschaft.
  • 1929: Scheib, Frdr., Metzger und Wirt, Kopp, Wilh., Wirt: Scheib ist gemeldet für das Erdgeschoss und den ersten Stock, Kopp nur für den ersten Stock. Kopp scheint also als Hilfe oder Nachfolger für Scheib eingestellt zu sein.
  • 1930: Kopp, Wilhelm, Wirt, Tel. 4168: Kopp ist nun alleiniger Wirt.
  • 1942: Kopp, Wilhelm, Wirt und weitere: Die Wirtschaft scheint ganz gut zu laufen.
Kopp wird also bis zum Schluß Wirt der "Frischen Quelle" gewesen zu sein. Auf dieser Postkarte kann man den Schriftzug auch noch erahnen, wenn man ihn denn kennt. Und zum Glück gibt es eine weitere schöne, durchsuchbare Quelle, nämlich die hessischen Regionalzeitungen von 1914-1918. Dort finden wir am 1. Januar 1914: Allen unsern werten Gästen und Bekannten wünschen wir ein glückliches neues Jahr! J. Hommer u. Frau. Restauration zur frischen Quelle. Also stammt der Name schon von Herrn Hommer. Im gleichen Jahr finden wir noch eine Anzeige: Restauration Zur frischen Quelle (Insel) Wonnetrank im Anstich. W. Hommer. Mit "W. Hommer" ist wohl Johann Hommers Frau Wilhelmine gemeint. Denn wir lesen im Darmstädter Tagblatt vom 18.4.1916: Provinzialauschuß der Provinz Starkenburg. Zu der gestrigen Sitzung wurde über ein Wirtschaftsgesuch der Frau Wilhelmine Hommer zu Darmstadt für das Haus Obergasse 3 verhandelt. Die Entscheidung wurde ausgesetzt, um weitere Erhebungen anzustellen. Am 9.11.1916 wurde das Gesuch erneut vertagt. Am 6.2.1917 ist dieser Punkt wieder auf der Tagesordnung, das Ergebnis ist mir nicht bekannt. Aber im Adressbuch von 1917 taucht für die Obergasse 3 nun "Hommer, Joh., Wirt" auf. Selbst 1942 ist er dort noch Wirt.

Ironie des Schicksals: Das einzige gute Foto von der "frischen Quelle" in Darmstadt gibt es erst, als die Häuser gegenüber wegbombardiert werden.


     
   
     

     
   
     

     
   
     

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14.10.21 17:35 breiter Kristof [0 Kommentare]